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Editorial
Nationalismus ist seit je her das wahrscheinlich größte verstandesmäßige Hindernis, um überhaupt eine radikale Kritik an der kapitalistischen Klassengesellschaft und dem bürgerlichen Staat zu vermitteln. Das gesellschaftliche Problem des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit kann vor allem nicht gelöst werden, weil die von diesem Widerspruch Beherrschten sich positiv zu einem nationalen „Wir“ stellen. Die Wirkung der Widersprüche, die die Klassengesellschaft notwendig hervorbringt, wird von dieser Ideologie nicht geleugnet, aber als politisch organisierbar gewürdigt. Davon ausgehend werden innerhalb des hierzulande herrschenden demokratischen Staatsbewusstseins alle möglichen Ideale gebildet, nach welchen die hiesigen sozialen und politischen Verhältnisse und damit die eigene Stellung darin beurteilt werden. Zum Einmaleins des demokratischen Nationalismus gehört dabei besonders die Frage der Nützlichkeit: was schadet dem nationalen Wohl oder was kommt ihm zugute? Nicht zuletzt wurde dies durch die Integrationsdebatte deutlich. Die Diskussionen von parlamentarischen Linken und Rechten ging immer nur um dieselbe Frage: Welchen Nutzen haben die Ausländer*innen für Deutschland? Dabei haben aber auch die linken Nationalist*innen nichts anderes zu sagen als: die bereichern unser Land -anstatt das nationalistische Argument zurückzuweisen. Deswegen ist unser Verhältnis zum Nationalismus aber nicht rein taktischer Natur. Der Nationalismus – und Ideologie im Allgemeinen – ist nicht einfach die Denke von manipulierten Subjekten, denen man nur erklären müsste, wie es mit der Wirklichkeit besteht, damit sie aus ihrem Dornröschenschlaf aufwachen. Ideologie ist überhaupt ein von dieser Gesellschaft hervorgebrachtes Bewusstsein von Individuen, die den gesellschaftlichen Widersprüchen von Lohnarbeit, kapitalistischer Konkurrenz und staatlicher Herrschaft unterlegen sind. Dass Ideologien vor allem aus den Widersprüchen dieser Gesellschaft zu erklären und zu kritisieren sind, heißt aber nicht, dass sie nicht eine gewisse Selbstständigkeit erlangen und sie somit nicht ausschließlich aus den polit-ökonomischen Gegebenheiten ableitbar sind. Marx‘ Prognose aus dem Kommunistischen Manifest, dass die Klasse der Bourgeoisie „kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen [hat] als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung‘“¹ scheint sich nicht bewiesen zu haben. Auch wenn der Marxismus grundsätzlich recht hat, dass diese ‚nackten Interessen‘ die Triebfeder der gesellschaftlichen Verlaufsformen sind, zeigt sich, dass Ausbeutung in modernen kapitalistischen Gesellschaften des 20. und 21. Jahrhunderts in einer vorher nie gekannten Tragik durch politische Illusionen und brutale Ideologien verhüllt wurde. Eine kommunistische Politik, die ideologische Geflechte und damit das Bewusstsein als das entscheidende Moment für die Umwälzung moderner Herrschaftsformen begreift, steht deswegen angesichts der vorherrschenden ideologischen „Fetische“ vor dem Problem der revolutionären Praxis.
Diese Zeitung und die damit verbundenen Veranstaltungen sollen einen Beitrag dazu leisten, kommunistische und antinationale Kritik in Bielefeld und Umgebung zur Diskussion zu stellen, um darüber hinaus mögliche Interventionsstrategien gegen den alltäglichen Wahnsinn zu entwerfen, den uns ökonomische und politische Strukturen zumuten. Vorerst sollte aber die Kirche im Dorf gelassen werden. Und deswegen haben wir uns angesichts des ganzen Geredes von Gemeinwohl, das einem täglich in Medien und Politik als ultimatives Argument der verschiedensten Interessen daher kommt, die einfache Frage gestellt: „Was interessiert mich Deutschland!?“ In dem Text stellen wir dar, wie Nationalismus mit bürgerlichem Staat und kapitalistischer Produktion vermittelt sind. Im Rahmen der Kampagne des kommunistischen „…umsGanze!“-Bündnisses „Vielen Dank für die Blumen!- Gegen Integration und Ausgrenzung“, haben wir im April eine Diskussionsveranstaltung zum Thema Rassismus und Sozialchauvinismus veranstaltet. Der Text „Leistung oder ich schiesse!“ ist als Zusammenfassung der Diskussion gedacht. Ilka Schröder, die am 6. Oktober in Bielefeld mit Thomas Ebermann und Renate Dillmann auf einem Podium zum Thema Nationalismus diskutieren wird, haben wir vorab interviewt. Weil die Diskussionen um Nationalismus eine ganze Menge Wissen voraussetzen, haben wir Oliver Barth eingeladen, um mit ihm im Rahmen eines Tagesseminars zu Materialistischen Theorien über Staat und Nationalismus Grundsätzliches zu diskutieren. Kritik beinhaltet aber nicht nur trockene Theorien. Und deswegen kommen am „Tag der deutschen Einheit“ Thomas Ebermann und Rainer Trampert, um mit einer satirischen Lesung eine kritische Perspektive auf „20 Jahre grosses Deutschland“ zu werfen. Desweiteren kommen verschiedene befreundete Gruppen in Gastbeiträgen zu Wort.
- Marx/Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Stuttgart 1999. S.22.




